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Geschichten von unter dem Wortberg

„Was hast du heute so vor, Felix? Bleibst du wieder zu Hause und liest?“

„Nee… ich hab mir gedacht, ich schnappe mir Wagner und gehe eine Runde Pilze sammeln fürs Abendessen.“

„Das klingt gut. Nimm dir doch mein Pilzbuch mit.“

Felix nickte und beendete sein Mittagessen schweigend, da er tief in Gedanken versunken war.

Er war zu Besuch bei seiner Tante Claudia, die fernab jeglicher Großstadt wohnte und eine kleine Farm für ihren Eigenbedarf betrieb. Bei ihr auf dem Lande genoss er hin und wieder mal die Ruhe und die das Haus umgebende Waldluft, las vor dem Kamin und begab sich auf ausgedehnte Streifzüge durch die naheliegende Umgebung. Außerdem kam er jedes Mal dorthin, wenn er sich wieder von einer seiner Freundinnen getrennt hatte und/oder flüchten wollte.

Nach dem Abwasch schnappte er sich die eigenwillige Bulldogge Wagner, ein Pilzkörbchen und das Pilzbuch seiner Tante, stieg in seine Gummistiefel und wollte losziehen.

„Sei vorsichtig. “ rief ihm seine Tante nach, doch Felix konnte dies nicht zuordnen. Er kam schließlich seitdem sie hier wohnte – seit ca. 10 Jahren also – zu Besuch und nie war ihm während er alleine oder mit Wagner draußen herumzog etwas passiert . Und genug Pilze hatte er zeit seines Lebens auch schon gesammelt. Er nickte dennoch sicherheitshalber und warf ihr ein zögerliches, halbes Lächeln zu. Felix war immerhin ein ernster und in sich gekehrter Mensch, der sich trotz fortgeschrittener Jugendlichkeit einen Schnurrbart wachsen ließ und eine Hornbrille trug.

Felix und Wagner liefen lange ziellos im Wald herum, mal bogen sie nach rechts, mal nach links ab, bis Felix sich tief genug im Wald fühlte, um die Augen nach Pilzen zu öffnen. Er wusste nicht mehr, wo sie waren, aber so machte er das immer, wenn er in den Wald ging. Felix mochte es, sich verloren zu fühlen, besonders weil er wusste, dass sein innerer Kompass ihn wieder auf den Heimweg führen würde, sobald er das wieder zuließ.

An einer Wegbiegung, in deren Mitte ein großer, moosbewachsener Stein stand, lief Felix ohne zu zögern zwischen beiden Wegen hindurch und mitten in die Bäume hinein. Wagner sträubte sich, ihm zu folgen, aber wollte offenbar auch nicht alleine an der Gabelung auf Felix warten und drang sich dazu durch, dem jungen Mann doch noch hinterherzulaufen.

Felix lief nur wenig tiefer in den Wald und stieß schon auf die ersten Pilzfunde. Er sammelte diese in den Weidenkorb und schritt kontinuierlich weiter, tiefer in den dichter werdenden Wald hinein. Wagner bellte Felix an und war sichtlich unzufrieden mit der eingeschlagenen Richtung, doch Felix bestach ihn kurzerhand mit einem Leckerbissen und Ruhe kehrte ein.

Sie wanderten weiter, Felix sammelte hier und da ein paar Pilze, Wagner markierte hier und da besondere Stellen. Bis Wagner wie angewurzelt stehen blieb und anfing zu knurren und zu bellen. „Wagner, was hast du denn? Du verscheuchst noch alle Pilze!“ sagte Felix scherzend, dann sah er es auch. Wenige Meter von ihnen entfernt bewegte sich eine undefinierbare Gestalt.

Felix rutschte das Herz in die Kniekehlen, doch er lief auf die seltsam wabernde Gestalt zu, um herauszufinden, wen der Zufall denn in genau diese, abgelegene Stelle des Waldes verschlug. Und je näher er kam, desto deutlicher wurde es –ein Glück! Dachte sich Felix-, dass diese Gestalt eine menschliche Person war, eine junge Frau, vielleicht sogar in etwa in Felix‘ Alter. Der junge Schnurrbartträger blieb wie angewurzelt stehen und staunte. Die Frau hatte ihm den Rücken zugekehrt und sammelte Pilze während sie ein leichtes Liedchen, mal trällerte, mal pfiff. Er wusste nicht, was er mit dieser Situation anfangen sollte, also räusperte er sich und wollte gerade zu einem schüchternen „Hallo?“ ansetzen, da schrie sie schon vor Schreck auf und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm um. Pilze purzelten aus ihrem Korb. „Meine Güte! Wieso hast du dich so an mich herangeschlichen? Ich habe keine Wertsachen dabei, lass mich in Ruhe!“

„Ich bin kein Räuber…ich bin auch nur Pilze sammeln und habe mich sehr gewundert, genau hier jemanden anzutreffen. Ich, ich…ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich hatte auch Angst.“ sagte er und lachte verlegen im Versuch, die Situation aufzulockern.

Ihre Schultern entspannten sich und sie lächelte. Felix begann zu realisieren, mit was für einer Schönheit er sich hier konfrontiert sah und errötete. „Äh…wie läuft denn das Pilze sammeln so? Hier ist eine gute Stelle, nicht wahr?“

„Ja, ich komme öfter hierher. Du auch?“

„Nur wenn ich in der Gegend bin.“

„Ach, du bist gar nicht von hier?“

„Nein, ich komme eigentlich aus Leipzig.“ und mit diesen Worten bewegte sich Felix einige Schritte auf das Mädchen zu, streckte seine Hand aus und sagte „Ich heiße übrigens Felix.“

Als sie seine Hand ergriff, fühlte Felix eine komische und undefinierbare Kältewallung von den Fingerspitzen seiner rechten Hand bis in den ganzen Körper aufziehen, ein Fiepen drang durch seine Ohren.

„Ich heiße Ophelia.“ sagte sie lächelnd, während Felix sich dachte „So muss sich richtiges Verlieben anfühlen.“ Er konnte ihre Hand nicht loslassen.

Sie wand sich elegant aus seinem Handgriff und lächelte weiter.

„O-o-o-Ophelia…so ein schöner Name, den hört man wirklich selten.“

Danke. Felix bedeutet der Glückliche, oder? Das ist auch schön.“

Unbemerkt, fast intuitiv hatten sich die beiden einander gegenüber in das weiche, grüne Moos gesetzt. Felix hing an Ophelias Lippen und brauchte jedes Mal eine Weile, um auf ihre Fragen zu antworten.

„D-d-d-anke… Ophelia kommt vom griechischen „Hilfe“, nicht wahr?“

Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden, dachte nur noch an seinen sehnlichsten Wunsch, seinen Kopf in Ophelias Schoß zu legen. Er fühlte sich wie in Watte verpackt.

„Das stimmt.“ Sagte sie und kicherte kurz. „Ich bin sehr hilfsbereit.“

Irgendwo in weiter Ferne bellte ein Hund. Vielleicht war es Wagner, Felix interessierte das nicht mehr. Er wollte sich nur noch mit Ophelia unterhalten, sich für immer an ihrer köstlichen Stimme laben und in ihren Augen versinken. Sie gab ein bizarres Geräusch in Richtung Hundegebell von sich und im gleichen Moment legte sich Felix wie von einer fremden Hand gelenkt in Ophelias Schoß.

„Jetzt können wir die wahre Ruhe genießen, Felix.“

Ja, Ophelia. Endlich Ruhe.“

Sie begann, sanft und mit neuerlichem, kaltem Hauch seine Haare zu streicheln und ihn zu seinem Leben auszufragen.

„Wie alt bist du, Felix?“

„27.“

Ein schönes Alter. Und was machst du so, außer Pilze sammeln?“

„Ich bin gerade fertig geworden mit meinem Studium…und fange in einem Monat einen Job in Berlin an…ich werde ziemlich viel Geld verdienen. Aber was bringt das alles, wenn ich es mit niemandem teilen kann? … Was machst du so, Ophelia?“

„Dies und das, mein Lieber, hauptsächlich kümmere ich mich darum, mich am Leben zu halten. Aber psst, Felix, ich stelle hier die Fragen.“

Ja, Ophelia.“

Für einen Augenblick schwiegen sie beide und Felix versank immer tiefer in Ophelias Schoß und in ihrer wattierenden Ausstrahlung. Er seufzte und für diesen kurzen Moment fühlte er sich, als würde er einen Teil seiner selbst aushauchen. Doch schon im nächsten Augenblick war es vergessen, denn Ophelia streichelte weiter seinen Kopf und stellte ihm Fragen, die er ausnahmslos und ohne weiter darüber nachzudenken beantwortete. Nicht mal sein bester Freund wusste so viel über ihn wie Ophelia nach dieser kurzen Zeit. Und die Zeit verging, es wurde dunkel. Sie verharrten weiterhin in dieser Position. Ophelia erfuhr nach und nach alles über Felix. Felix erfuhr nichts über sie, aber er wollte sowieso für immer mit dem Kopf in ihrem Schoß leben. Ob er hierbei nun seine gesamte Persönlichkeit auswisperte, war ihm gleichgültig.

Sein Magen war anderer Meinung und in einem besonders ruhigen Moment zwischen den beiden knurrte er laut und ausdauernd.

„Ophelia, was war das?“

„Du hast Hunger, mein Lieber. Wollen wir ein Feuerchen machen und ein paar Pilze braten?“

„Ja, Ophelia, das ist eine gute Idee.“

Felix verwunderte es nicht, dass Ophelia einmal mit den Fingern schnipste und sofort ein Feuer entflammte. Er sah wie hypnotisiert in die Flammen, während Ophelia einen Pilz auf einen dünnen Ast spießte und über dem Feuer briet.

„Ich liebe dich, Ophelia.“

„Ich dich auch, Felix. Gleich essen wir Pilze, um das zu feiern.“

„Super.“

Schweigend dünstete Ophelia zwei Pilze über dem Feuer bis sie gar waren. Dann pustete sie sie kurz ab und reichte Felix einen Spieß. Felix aß folgsam, aber nach dem halben Pilz fühlte er ein seltsames, neues Schwindelgefühl in sich aufsteigen und hatte seine Probleme damit, aufzuessen. Ophelia fütterte ihm noch einige kleine Stückchen, dann driftete Felix bereits in einen schlafähnlichen Zustand ab und schloss die Augen.

Er fühlte sich, als würde er fallen, endlos fallen, wie Alice im Wunderland durch das Kaninchenloch, doch anstatt auf einem Laubhaufen aufzuschlagen riss er plötzlich die Augen auf und begann langsam und leicht zu schweben. Ophelia hielt seine Hand fest und sah ihm tief in die Augen. Felix fühlte sich mit einem Mal nicht mehr so sicher und eingelullt bei ihr, ihn überkam eine große Panik und er versuchte sich loszureißen.

„Was ist passiert? Ophelia, was ist mit mir geschehen??“

Sie lächelte nur und kam näher. Gemeinsam schwebten sie über Felix‘ leblosen Körper hinweg und je näher sie sich an ihn schmiegte, desto mehr fühlte er, dass sie eigentlich schon immer eins waren. Ihre Stimme sprach aus seinem Inneren zu ihm „Felix, du bist ein Waldgeist. Schon immer gewesen. Du hattest gerade einen Alptraum, hab keine Angst. Felix war dein sterblicher Name. Wenn du möchtest, darfst du dir einen neuen aussuchen und Felix vergessen.“

Felix seufzte tief, sagte „Ich bin Julius.“ und in einer durchsichtigen, doch schwarzen Wolke wurden beide eins mit einander und mit dem Wald und der Luft und den Pilzen und für die nächsten langen Stunden schwebten sie frei und unbefangen durch die Hemisphäre der Nacht.

(c) Xenia Kitaeva, September 2013

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